Miyakojima, Tag 2.

Als wir nach unserer ersten Nacht in Miyako die Vorhänge öffneten, war ich ganz außer mir: Es war blauer Himmel zu sehen! In dermaßen guter Stimmung aßen wir Frühstück und mieteten für drei Stunden ein Auto, um an den östlichsten Zipfel der Insel, nach Higashi-Hennazaki (東平安名崎) zu fahren. Der Grund war ein einfacher: Dort waren die wenigsten Wolken zu sehen. 🙂

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Auf dem Weg dorthin hielten wir an einem sehr interessant aussehenden Stück Küste, das sich als Imugyā Marine Garden (イムギャーマリンガーデン) entpuppte. Die Natur hat dort einen Teich gebildet, der nur über eine relativ kleine Verbindung zum Meer verfügt. Dementsprechend ruhig ist das Wasser dort, und wenn man die Stufen zur Aussichtsplattform hinaufgehechelt ist, hat man einen wunderschönen Blick. Generell hat mich an Miyakojima das Wasser am meisten fasziniert. Es ist noch einmal klarer als auf Ishigakijima, und die Strände finde ich auch ansehnlicher.

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Am Higashi-Hennazaki angekommen, mussten wir uns gegen rüstige Rentner, die aus Reisebussen geflutet kamen, behaupten, schafften es aber dank unserer jungspündischen Laufgeschwindigkeit vor ihnen zum Leuchtturm. Auch hier wurde wieder viel gehechelt, bis wir es endlich nach oben geschafft hatten, aber auch hier lohnte sich der Ausblick. Higashi-Hennazaki ist ein Kapp, und zwar ein stürmisches. Hier wachsen keine Sträucher oder Bäume. Die Landschaft ist bestimmt von Vulkangestein, Gras und dem, was ich ganz lapidar als „Gestrüpp“ bezeichnen würde. 😉 Leider fanden wir erst am Abend heraus, dass dort derzeit eine sehr seltene Pflaumenart mit winzigen Blüten blüht.

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Da es nur minimal wärmer geworden war, entschieden wir uns, eine heiße Quelle zu besuchen. Der Shigira Ōgon Onsen (シギラ黄金温泉) bietet zu recht akzeptablen Preisen (ca. 4,500¥ oder 34€ für eineinhalb Stunden) private Bäder an. In Tokyo und Umgebung sind solche Bäder oft eher klein, und für die gleichzeitige Benutzung von vielleicht zwei Leuten gedacht. Hier hatten wir richtig Platz und konnten allerlei Quatsch machen (schwimmen geht nur so halb-gut). Von der Größe her, ginge das sicher auch mit vier oder mehr Personen.

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Die letzte Station des Tages war das deutsche Dorf, das ich im ersten Beitrag schon einmal angesprochen hatte. Der Legende nach wurden deutsche Seefahrer von Bewohnern der Insel gerettet und aufgepäppelt, woraufhin die große Freundschaft beschlossen wurde – damals übrigens nicht auf Japanisch, sondern Chinesisch. Okinawa insgesamt hat da eine recht spannende Geschichte und Miyako selbst gehört erst seit 1879 zu Okinawa. 🙂

1995 beschloss man, ein deutsches Dorf zu bauen, wahrscheinlich um Touristen anzulocken. Die Straße, die zum Ueno Doitsu Bunka Mura (うえのドイツ文化村) führt, heißt übrigens Gerhard-Schröder-Straße, weil er den Ort 2000 einmal besuchte.

Ganz ehrlich: Das deutsche Dorf macht traurig. Viele Häuser stehen inzwischen vollkommen leer, der Putz bröckelt, und von den deutschen Läden sind nur noch wenige übrig. Letztendlich passt Deutschland einfach nicht zu Okinawa. Der hawaiianisch angehauchte Bootsverleih im falschen Fachwerkhaus hat das ganz gut verstanden.

Okinawa ist Okinawa, ein wenig wie Japan, ein bisschen weniger wie Hawaii, und nun wirklich gar nicht wie Deutschland.

Könnt ihr das deutsche Dorf in Okinawa an Absurdität toppen? 🙂

Frisch vom Fischmarkt: Austern.

Jedes Jahr zur Weihnachtszeit lassen Büros noch einmal das Jahr Revue passieren und unternehmen etwas zusammen. In Japan ist es die Zeit der Bōnenkais (忘年会), was ich immer ganz lapidar als Jahres-End-Feier übersetze, aber eigentlich „das Jahr vergessen-Treffen“ heißt. Man trinkt Alkohol.

Zwar habe ich auf Arbeit eigentlich kein Team, dem ich angehöre (ich bin direkt unterm Chef, genau wie die drei Team-Manager), aber trotzdem lädt mich eines der Teams jedes Jahr ein. 🙂 Dieses Jahr fuhren wir zuerst gemeinsam zur Ginkgo-Straße, darüber werde ich ein andernmal schreiben, und dann zum Fischmarkt Tsukiji (築地).

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Der Fischmarkt an sich hat nur bis zum frühen Nachmittag geöffnet, weswegen die Gegend auf den ersten Blick sehr ausgestorben aussieht. Wenn man aber in eine der Seitenstraßen abbiegt, sieht man beleuchtete Schilder von Sushi-Restaurants und auch das des Kakikoya (カキ小屋), unserem Ziel für den Abend.

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Der Grund, warum man sich für dieses Restaurant entschieden hatte, war das Ganganyaki (ガンガン焼き), welches ihr im mittleren Bild sehen könnt. Allerlei Meeresfrüchte werden dafür in einer metallenen Kiste gekocht, bis sie gar sind. Weil das Getier natürlich heiß ist, bekamen wir alle einen Handschuh und einen Plastikhandschuh. Mit der behandschuhten Hand nimmt man dann z.B. eine Auster aus dem Behältnis und öffnet sie. Wirklich lecker! 🙂

Neben Meeresgetier gab es auch noch Salat und zum Schluss Eintopf mit Gemüse, Pilzen und Nudeln. Wir waren auf jeden Fall pappsatt. Pro Person hat uns der Spaß etwa 5400¥ (ca. 40,40€) gekostet, was für die Menge und Qualität absolut in Ordnung war.

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Vor allem am Freitag und am Wochenende sollte man sich aber sowohl hier, als auch bei den umliegenden Sushi-Restaurants, einen Tisch reservieren, denn es wird voll.

カキ小屋 東京都中央区築地 4-10-14
Kakikoya Tsukiji 4-10-14, Chuo-ku, Tokyo

Lieblingsrestaurant: Beer & Spice.

Früher sind wir recht oft auswärts essen gegangen. Das ist natürlich nicht ganz so günstig, aber immerhin hat man in Tokyo wirklich nur sehr selten das Gefühl, nicht genug für sein Geld zu bekommen. Weil wir uns in der Hinsicht aber etwas einschränken, und vielleicht auch mal ein wenig Geld ansparen wollten, hörten wir irgendwann auf fast jede Woche essen zu gehen.

Diesen Mittwoch entschieden wir uns dennoch, nach der Arbeit mal wieder in eines unserer liebsten Restaurants einzukehren. Das Beer & Spice im Kaufhaus Kitte am Bahnhof Tokyo. Das Kitte selbst ist schon ein wenig speziell. Neben Geschäften für allerlei Zeugs, ich kaufe dort sehr gern Weihnachtsgeschenke ein, gibt es auch ein kleines Museum (die Intermediatheque der tokyoter Universität) und einen Dachgarten, von dem aus man den Bahnhof Tokyo, wirklich der schönste Bahnhof der ganzen Stadt, sehen kann. Im Erdgeschoss des Kitte ist auf jeden Fall das Beer & Spice. 🙂

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Das Konzept des Restaurants ist an sich ganz einfach: Speisen, die gut zum Bier passen, und die mit Gewürzen aufwarten können. Die japanische Küche ist, was Gewürze angeht, recht eingeschränkt, was vielleicht erklärt, warum man ein Restaurant eröffnet, in dem man einfach mal so richtig viele Gewürze serviert. 😉 Die Karte kreuzt wild durch die Weltgeschichte, das Essen ist aber immer wirklich gut. Auf dem Foto seht ihr Hummus (in Japan noch nicht ganz so beliebt wie anderswo), Falafel und Bruschetta. Außerdem lassen sich Gerichte mit Inspiration aus Mexiko, Peru, China, Malaysien, Südafrika, Korea, usw. usf. auf der Karte finden. Currywurst gibt es auch.

Natürlich ist das nicht immer 100% authentisch, aber dafür lecker. Leider muss man sagen, dass es bei uns zwar ganz viele chinesische, thailändische, indische und malaysische Restaurants gibt, dafür aber z.B. Afrika und der nahe und mittlere Osten zu kurz kommen. Wo es nicht viel Konkurrenz gibt, hinkt leider oft die Qualität auch hinterher. Da ist das Beer & Spice eine gute Alternative.

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Übrigens hat man direkt nachdem Halloween vorbei war, die Weihnachtsdekoration angebracht. Im Kitte ist das auch dieses Jahr wieder dieser riesige Weihnachtsbaum. Eigentlich müsste ich mich an dieser Stelle darüber aufregen, aber erstens ist es schon Ende November und zweitens saß ich gestern mit meiner Packung Spekulatius auf der Couch und drittens hatten wir schon vor Wochen das Weihnachtsalbum von Frank Sinatra laufen.

Seid ihr eigentlich schon in Weihnachtsstimmung? 🙂 Der erste Advent ist ja schon bald.

Sternegucken.

Am Samstag Vormittag gehen wir, wie so oft, zum Fitnessstudio. Wir versuchen derzeit einmal in der Woche und einmal am Wochenende zu gehen, um zumindest etwas Bewegung abzubekommen. Meine Schwiegereltern sind bei demselben Studio angemeldet, und so treffen wir sie manchmal dort. Am Samstag erspähen wir meinen Schwiegervater, der uns fragt, ob wir nicht in der Nacht Sterne gucken gehen wollen würden. Wollen wir.

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Also machen wir uns um zwei Uhr nachts auf den Weg. In Tokyo und der näheren Umgebung wird es nie dunkel genug, als dass man Sterne sehen könnte. Die Beleuchtung, die auf Fotos immer so schön japanisch aussieht, zerstört einem das. Lichtverschmutzung vom Feinsten.

Auf jeden Fall fahren wir, nicht sonderlich schnell, denn das Auto ist alt, über die Autobahn in Richtung Meer. Wir öffnen die Abdeckklappe des Fensters gen Himmel, und kommentieren die Dicke der Wolkendecke. Als wir die ersten Sterne sehen, ist das Ah und Oh groß.

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Um etwa halb vier halten wir an, um Fotos zu machen. Der Himmel ist voller Sterne. Wenn man in der Stadt wohnt, hat man oft das Gefühl, dass es gar nicht so viele Sterne gäbe. Wenn man den Sternenhimmel aber endlich mal wieder richtig sieht, merkt man schnell, dass sich ein Stern an den nächsten reiht.

Nie fühle ich mich so klein, wie wenn ich einen vollen Sternenhimmel sehe. Und nie fühle ich mich der ganzen Erde so verbunden – Wir sind nämlich gemeinsam auf diesem kleinen Planeten und rücken, zumindest für den Augenblick, näher zusammen. Gegen die Entfernung zwischen uns und den Sternen sind die 8900 Kilometer zwischen Tokyo und Berlin ein Katzensprung.

Eingemummelt in fünf Lagen Kleidung, einen dicken Schal, eine Mütze und die Handschuhe meines Mannes baue ich mein Kamerastativ auf, stelle alles richtig ein, drücke ab und achte für die nächsten zehn bis 20 Sekunden darauf, dass der eisige Wind meine Kamera nicht umwirft. Als es doch passiert, sieht es fast so aus, als hätte ich Sternschnuppen fotografiert.

Ich beschließe kurzerhand, unser zukünftiges Kind zu den Pfadfindern zu schicken, damit es sich, anders als wir, an den Sternen orientieren kann.

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Um sieben Uhr sind wir wieder zuhause. Die Sterne sind schon lange nicht mehr zu sehen. Die Erde ist wieder groß und Berlin weit weg, als wir uns erneut ins Bett legen.

Kann man von eurem Zuhause aus die Sterne sehen?

 

Das doppelte Staatsbürgerlottchen.

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Dieser Eintrag ist aus etwas entstanden, das mich im Internet aufgeregt hat. Das passiert manchmal. 😀

Für viele Leute, die noch nie im Ausland gelebt haben, ist es nicht so ganz leicht zu verstehen, wie das mit Staatsbürgerschaft und Visum geht, weswegen ich es hier noch einmal ganz eindeutig schreiben will. Es geht natürlich ganz konkret um mich, als eine Deutsche in Japan.

Zuerst einmal: Ich habe keine doppelte Staatsangehörigkeit. Der japanische Pass im Titelbild gehört meinem Mann. Zwar ist es möglich, die japanische Staatsbürgerschaft zu bekommen, aber man bekommt sie nicht einfach dadurch, dass man einen Japaner heiratet oder eine bestimmte Zeit in Japan gelebt hat. Wenn man die japanische Staatsbürgerschaft annehmen möchte, muss man einen Antrag stellen und, nachdem der bewilligt worden ist, seine alte ablegen. Es gibt Leute, die versichern, sie abgelegt zu haben und sie trotzdem behalten und somit de facto Doppelstaatler sind, aber in diesem Fall kann die japanische Staatsbürgerschaft ganz schnell entzogen werden, weil man sie sich unter falschen Angaben erschlichen hat.

Kinder, die mit zwei Staatsbürgerschaften zur Welt kommen weil ein Elternteil japanisch und das andere deutsch ist, müssen sich theoretisch bis zum 22. Geburtstag entscheiden, welche Staatsbürgerschaft sie gern behalten würden. Praktisch ist es hier aber tatsächlich möglich, sich einfach nie so wirklich zu entscheiden.

Ich bin aber Deutsche mit zwei deutschen Eltern. Ich habe einen deutschen Pass und sonst keinen.

Was ich auch habe: Eine Niederlassungserlaubnis für Japan, auf Englisch Permanent Residence (häufig zu PR abgekürzt) und auf Japanisch Eijûken (永住権). Mit dieser Niederlassungserlaubnis kann ich für immer in Japan wohnen und hier arbeiten. Natürlich gibt es Rechte, die ich nicht habe. Im Alltag heißt das ganz konkret, dass ich hier nicht wählen gehen oder Beamte werden kann. Außerdem würde ich keine Sozialhilfe und andere Leistungen bekommen. Versicherungen, in die ich einzahle (Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung), werden natürlich ausgezahlt.

Also noch einmal zum Mitschreiben: Ein Visum ist etwas ganz anderes als eine Staatsbürgerschaft. Ein Visum bedeutet lediglich, dass ich mich legal in einem Land aufhalten und dort arbeiten darf. Eine Niederlassungserlaubnis ist ein Visum. Sie ist an Bedingungen geknüpft und kann im Ernstfall entzogen werden. Mit der Staatsbürgerschaft wäre ich vor dem Gesetz 100% japanisch.

Es gibt natürlich im Internet so Nasen, die gar nicht verstehen können, warum man auf längere Sicht in einem Land leben möchte ohne die Staatsbürgerschaft anzunehmen und quengeln („Man muss sich entscheiden!“). Aber mal ganz im Ernst: Ich bin Deutsche. Durch und durch. Nur weil ich Japanisch spreche, hier angepasst lebe und mit einem Japaner verheiratet bin, werde ich nicht weniger Deutsche. Warum sollte ich die Staatsbürgerschaft und den Zugang zu ganz Europa aufgeben?

Natürlich halte ich mir auch ein Hintertürchen offen. Vielleicht verwandelt sich mein Mann eines Nachts zum Arschloch, wir lassen uns scheiden und ich will in Deutschland noch einmal von vorne anfangen. Vielleicht bricht der Fuji aus* und wir müssen schnell raus. Vielleicht steigt Godzilla aus dem Meer. Sich einen Ausweg offen zu lassen ist nicht irgendwie iloyal der Wahlheimat gegenüber, sondern schlau. Ich unterstütze den japanischen Staat mit meinen Steuern, das muss reichen.

* Nie vergessen: Der Fuji ist ein aktiver Vulkan.