Aomori, Teil 2: Goshogawara und Kanagi.

Am Bahnhof von Hirosaki (弘前) angekommen, fing es plötzlich an zu schneien. Zum Glück ist so ein kleiner Schneesturm sehr viel weniger anstrengend als Platzregen, vor allem, wenn man mit einer Kapuze ausgestattet ist. Mein Mann versuchte sich mit einem Schirm zu wehren, was natürlich nicht ganz so gut funktioniert. Wo Regen einfach nur gen Boden rast, tanzt Schnee.

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In dieser alten Bahn schaukelten wir knapp fünfzig Minuten über die weiten Felder, und schauten den Schneeflocken zu. Sicher kennen auch von euch einige das Phänomen, dass die älteren Bahnen viel wärmer als die neueren sind. Die alten Bahnen von Aomori tun einem am Oberschenkel weh, so heiß sind sie. Zum Glück hat man aber meist genug Platz um sich des Mantels und des Schals zu entledigen, sonst würde einem wahrscheinlich nach zehn Minuten Fahrt Rauch aus den Ohren aufsteigen.

Als wir in Goshogawara (五所川原) angekommen waren, hatten wir noch viel Zeit, bis wir in die nächste Bahn einsteigen mussten. Wie ich schon geschrieben hatte: Wenn man in Aomori nicht genau plant, welche Bahn man wann nehmen möchte, sitzt man für Stunden fest. Die Wartezeiten zwischen den Bahnen sind wirklich erheblich, kamen uns in diesem Fall aber entgegen.

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Für die 80 Minuten zwischen Ankunft und Weiterfahrt hatten wir uns etwas Tolles ausgedacht: Wir besuchten das Tachi-Neputa-Haus (立佞武多の館 Tachineputa no Yakata), dessen Eintritt 600¥ (ca. 4,50€) kostet. Nebuta oder Neputa, hier kommt es auf die Region an, ist ein Sommerfest, das in Aomori gefeiert wird. Wenn nach der Ernte alle geschafft sind, sollen die hellen Figuren ihnen wieder Lebensgeister einhauchen.

Die Neputa, die ihr hier seht, sind ganz speziell: Mit 23m Höhe und 19t Gewicht sind sie die wahrscheinlich größten überhaupt. Wir versuchten, uns vor ihnen zu fotografieren, aber es geht einfach nicht, man bekommt nicht alles aufs Foto.

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Damit man zumindest einmal alles aus der Nähe betrachten kann, geht es erst vier Stockwerke nach oben, bevor man im Kreis wieder herunterläuft. Dabei sieht man natürlich nicht nur die riesigen Figuren, sondern lernt auch etwas über ihre Geschichte und Herstellung. Diese Figuren sind alle handgefertigt und handbemalt, und jedes Jahr werden drei neue Tachineputa gebaut. Damit sie während der Feierlichkeiten im August untergebracht werden können, ist dieses Gebäude so konzipiert, dass es sich an der Seite öffnen lässt. Dann entsteht ein gigantisches Tor, durch die diese Figuren gezogen werden. Damit die Tachi-Neputa ohne Probleme passieren können, wurde sogar die Stromanbindung auf den Hauptstraßen nach unten verlagert.

Auf der ganzen Reise hat mich wahrscheinlich nichts so fasziniert, wie diese Figuren. Wenn man in Japan lebt, wird Tōhoku gern mal als ein wenig hinterwäldlerisch und dröge wahrgenommen, aber dem ist gar nicht so! Tōhoku hat eine faszinierende Kultur, wirklich touristisch viel zu bieten und das Allerbeste – hier sind noch nicht alle anderen auch. 😉

Wer sich Tachineputa mal bewegt und in Farbe ansehen möchte, klickt hier.

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Weil wir von den Neputa so bezaubert waren, mussten wir uns auf dem Weg zurück zum Bahnhof ziemlich sputen. Bei unserer nächsten Etappe galt dieses abgedroschene, aber nicht minder wahre „Der Weg ist das Ziel“ auf jeden Fall zu 100%.

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Wir fuhren mit der Ofen-Bahn oder Stove Ressha (ストーブ列車). Diese wird jedes Jahr von Dezember bis Ende März von der Bahngesellschaft Tsugaru Tetsudō (津軽鉄道) betrieben und fährt von Tsugaru Goshogawara (津軽五所川原) bis Tsugaru Nakasato (津軽中里) jeden Tag dreimal hin und her. Wie ihr sicher auf dem ersten Foto bemerkt habt, befinden sich in den Waggons Öfen, damit die Passagiere nicht erfrieren. Die Waggons selbst sind aus den späten 1940ern, haben also schon einige Jahre auf dem Buckel. Das merkt man auch daran, wie viel kalter Wind durch die Zwischenräume am Fenster weht, aber die Öfen gleichen das alles wieder aus. Dafür sieht es aber bezaubernd aus.

Tatsächlich ist es direkt am Ofen sehr heiß, so dass wir uns schnell eine Reihe weiter weg gesetzt haben. Während der Fahrt werden Knabbereien verkauft, unter anderem getrocknete Tintenfische, die dann auf dem Ofen gebraten werden. Man gönnt sich ja sonst nichts. 🙂 Ansonsten bekommt man einige nette Geschichten im unverwechselbaren Akzent der Leute des Nordens erzählt. Dort oben ist die Aussprache viel weicher als bei uns, ich könnte dem ewig zuhören.

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Wir fuhren mit der Bahn nur bis Kanagi (金木), wo es größere Attraktionen gibt als die Muschel-Ramen (しじみラーメン), die wir im Restaurant über dem Bahnhof aßen. Wir hatten aber keine Lust auf noch mehr kulturell wertvolles, und außerdem schüttete es inzwischen regelrecht Schnee.

Nachdem wir uns im Bahnhof untergestellt hatten, kam auch schon die Bahn zurück nach Goshogawara, in der wir uns wieder vollständig aufwärmen konnten. In der Stunde zwischen unserer Ankunft und unserer Abfahrt waren die Gleise schon wieder unter der Schneedecke verschwunden.

In Kanagi gibt es für Interessierte auch noch das Dazai-Museum über den bekannten Schriftsteller Dazai Osamu (太宰治), der Anfang des 20. Jahrhunderts lebte, und ein Tsugaru Shamisen-Museum über das dreisaitige Instrument. In letzterem kann man auch Live-Musik lauschen.

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Nachdem wir durch die Wärme und das Schaukeln der Bahn schon ziemlich müde geworden waren, hielten wir in Goshogawara und mussten schon wieder die Beine in die Hand nehmen um unseren Koffer aus dem Schließflach zu retten, Geld abzuheben und Bustickets zu kaufen. Wenn man von Goshogawara bis zur Stadt Aomori fahren möchte, bietet es sich nämlich tatsächlich an, nicht die Bahn zu nehmen. Mit dem Bus geht es oft schneller und vor allem in kürzeren Abständen.

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Die Busanzeigentafel, mit Zeiten in Schriftzeichen.

Zwar mussten wir einmal den Bus wechseln, weil in unserem die Klimaanlage einfach nicht angehen wollte, aber danach kamen wir ohne weitere Unterbrechungen in Aomori, dem letzten Halt unserer Reise, an.

7 Gedanken zu “Aomori, Teil 2: Goshogawara und Kanagi.

      • zoomingjapan schreibt:

        Oh! Danke. 🙂
        Ich hab eine Pentax K-x, aber die ist mir damals in Japan runtergefallen.
        Objektiv war kaputt. Neues gekauft, aber seitdem kriegt sie einfach keine scharfen Bilder mehr hin. Vielleicht sollte ich mir endlich mal eine neue kaufen. ^^;

      • Claudia schreibt:

        Kann man alles reparieren lassen, aber lass dir die lieber einen Kostenvoranschlag schicken! Manchmal lohnt sich das nicht mehr so sehr. Ich habe auch noch eine K-x zuhause, aber die hat einen Tick, der immer wieder kommt. 😦

  1. Sheila schreibt:

    Wenn ihr zurück seit brauch ihr bestimmt Ferien von den Ferien. Rumreisen und Neue Eindrücke machen ja so müde!
    Vielen Dank für den tollen Artikel. Ich wrrde dort bestimmt auch mal vorbeigehen.

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