„Ich will unbedingt nach Japan ziehen…

einzeilig

… wie schaffe ich das?“

Das ist eine Frage, die im Internet unglaublich oft gestellt wird, vor allem von sehr jungen Menschen.

Überraschung: Ich bin auch mal ausgewandert. 😉 Außerdem habe ich in meinen inzwischen insgesamt sechs Jahren in Japan viele andere Auswanderer getroffen. Ich könnte im deutschen Nachmittagsfernsehen als Auswanderer-Coach arbeiten. 😉 Hier ein paar Dinge, die ich jedem raten würde.

Lernt Japan vorher kennen!

Für immer in ein anderes Land zu ziehen bedeutet viel Vorbereitung, ihr wollt schließlich nicht wie bei Goodbye Deutschland enden. Das erfordert viel Energie. Auswandern ist nicht für Faule. Außer ihr heiratet einen Japaner. 😉

Kommt deswegen erst mal her, bevor ihr euer ganzes Leben auf den Kopf stellt. Schaut euch an, wie Japan wirklich ist. Ich mag Japan und komme mit dem Leben hier wunderbar zurecht, aber das gilt längst nicht für alle. Leider trifft man auch immer mal auf Leute, die voller Erwartungen ins Land gekommen sind und inzwischen der Meinung sind, Japan sei an allem Übel in ihrem Leben schuld.

Aber ich weiß doch, dass es mir gefallen wird!

Japan ist nicht so, wie es in den Medien gezeigt wird. Nicht jeder in Japan liebt Manga und Anime, nicht jeder trägt abgedrehte Mode, nicht alles ist immer voll かわいい (kawaii; süß). Jedes Land hat schlechte Seiten, dieses hier auch. Selbst in Tokyo gibt es nur etwa 2,5% Ausländer – und zu denen gehört ihr dann auch. Außerdem, solltet ihr vorhaben für immer in Japan zu leben, werdet ihr immer 8900km von eurer Familie in Deutschland entfernt sein.

Das sind Dinge, von denen man vorher nicht wissen kann, wie sie sich anfühlen oder wie man damit klar kommt, und Prioritäten verschieben sich auch gern noch einmal. Deswegen würde ich wirklich jedem nahelegen, entweder ein Working Holiday zu machen, oder über die Uni ein Semester an einer japanischen Partneruni zu studieren*, oder für die Sprachschule nach Japan zu kommen. Dann wisst ihr, woran ihr hier seid, und habt gleichzeitig für zukünftige Übersiedlungspläne wertvolle Erfahrungen gesammelt.

* Das geht durchaus auch, wenn ihr nicht Japanologie studiert.

Ich habe einige Bekannte, die Japan zwar lieben und gern für einen Urlaub herkommen – aber hier leben? Nein danke.

Wenn ihr den großen Schritt wirklich wagen wollt…

Schaut euch die verschiedenen Visa-Typen an. Man kann nicht einfach nach Japan hineinschneien und anfangen zu arbeiten. Ihr braucht Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, sonst ist das illegal. Wenn so etwas auffliegt verhängt Japan auch gern mal Einreisesperren. Das schlauste wäre es, sich in Deutschland einen Job bei einer Firma zu angeln, die Niederlassungen in Japan hat. Oder bei der deutschen Niederlassung einer japanischen Firma. 😉 Dann besorgt euch die Firma das Visum.

Es gibt natürlich auch Arbeit für Deutsche in Japan, aber für Firmen ist es ein ziemlicher Aufwand jemandem ein Visum zu besorgen – da muss auf Arbeitgeberseite genug Motivation da sein. Generell ist es immer besser ein abgeschlossenes Studium oder eine Ausbildung zu haben.

Man kann natürlich auch in Japan studieren oder auf eine 専門学校 (Senmon-gakkô; berufsvorbereitende Schule) gehen und dann danach nach einem Job hier suchen. Die meisten Studiengänge in Japan sind allerdings nicht auf Englisch, sondern komplett auf Japanisch. Dafür sollte man schon seinen JLPT N2 in der Tasche haben.

Generell kommt man in Japan zwar auch ohne Sprachkenntnisse irgendwie klar, aber die Leute in Geschäften oder auf Ämtern verstehen oft kaum Englisch. Man kommuniziert also entweder mit Händen und Füßen, oder beißt in den sauren Apfel und lernt Japanisch.

(Oder ihr heiratet…)

Japan ist nicht die Rettung

Stellt keine zu großen Erwartungen. Es wird nicht alles besser, sobald ihr in Japan ankommt. Nach tatsächlich recht kurzer Zeit ist Japan nicht mehr besonders, sondern „nur noch“ normal. Die Euphorie, die man am Anfang hatte, verblasst. Wenn man dann keinen Plan hat, wie es in diesem normalen Japan weitergehen soll, kann man sich schon mal die Frage stellen, ob es das nun wirklich wert war.

Für mich war es das, ich lebe gerne hier. Leider habe ich Jahre gebraucht, um überhaupt anzufangen zu überlegen, was ich mit meinem Leben hier machen will. Und selbst obwohl ich inzwischen recht fließend Japanisch spreche, gibt es Dinge, in denen ich mir nicht sicher bin und mit denen ich Hilfe brauche. Das würde mir in meiner Muttersprache nicht passieren. Manchmal komme ich auch in doofe Situationen, weil meine Denke doch teils recht Deutsch ist. Ein Hoch auf den Ausländerbonus. 😉

Ich weiß, dass hier einige Auswanderer mitlesen, ob sie nun nach Japan oder in ein anderes Land gegangen sind: Was würdet ihr Leuten raten, die auswandern wollen?

Und für die Leute, die nach Japan ziehen wollen: Warum? 🙂 Das interessiert mich persönlich sehr, weil ich nach meinem Working Holiday eigentlich nicht unbedingt nach Japan wollte – sondern zu meinem Mann.

11 Gedanken zu „„Ich will unbedingt nach Japan ziehen…

  1. Ich wollte mal (vor rund 2 Jahren) nach Japan. Doch dann bin ich zur Vernunft gekommen und habe es mir anders überlegt. Yay!!! 😉

    Zu deiner Frage nach dem warum nach Japan. Na ist doch ganz klar: Karaoke, Sake und Frauen. 😆
    Ah, und die Kultur natürlich, wobei das sogar ehrlich gemeint ist.

  2. Ich kann nur aus dem deutschen Sprachraum berichten, und selbst da ist es komplexer, als sich viele vorstellen.
    Ich bin mit 7 Jahren von Süddeutschland in die Schweiz „ausgewandert worden“. Alles war ähnlich und doch ganz anders. Die Alltagssprache. Das Geld. Die Sitten. Das Schulsystem. Die Zahlungsformalitäten (das fällt unter deinen Punkt „unerwartete Probleme im Alltag“). Die Versicherungen.
    Dazu kam die allgemeine Ablehnung. Damals (Anfang/Mitte der 70er) war man auch als deutsches Kind ein „Hitlerfreund“, in den letzten Jahren wurde eine „Deutschenschwemme“ beklagt, kurz: wer als Ausländer zum Arbeiten kommt und weder einen Exoten-Bonus noch einen Niedlichkeits-Bonus mitbringt, sollte mit Ablehnung umgehen und diese von der eigenen Person trennen können.
    Mein Mann ist Österreicher, bei ihm spielt der „Niedlichkeitsfaktor“, weil der österreichische Akzent hier als sympathisch wahrgenommen wird.
    Ganz wichtig: die Motivation zum Auswandern sollte nicht nur sein, Problemen im Heimatland zu entkommen. Man nimmt sich selber mit. Wie du schreibst: das Andere“ wird auch zum Alltag.
    Unerlässlich sind meiner Meinung nach fundierte Sprachkenntnisse. Warum sollte ein Arbeitgeber an einem Mitarbeiter interessiert sein, der Anweisungen nicht versteht? Da nimmt er doch besser einen, den er zwar noch schulen muss, für den die Schulung aber nicht erst übersetzt werden muss.

    • Es gibt in Japan tatsächlich Jobs, für die man kaum bis wenig Japanisch braucht. Sprachlehrer z.B., aber das kann und will auch nicht jeder machen. Ich finde es einfach wichtig, seine Prioritäten richtig zu setzen, und „wie lebe ich in einem Land und bestreite meinen Lebensunterhalt?“ ist meines Erachtens nach wichtiger als „wo lebe ich?“, zumal Deutschland zwar sicher auch nicht 100% super ist, aber kein Land, aus dem irgendjemand fliehen müsste.

  3. Hallo Claudia,
    ich bin seit über einen Monat ein Leser deines Blogs und ich liebe ihn ❤ [Wollte ich nur mal erwähnen]. Und ich finde es toll, dass du dieses Thema ansprichst. Ich stimme dir vollkommen zu, dass man die Sprache beherrschen sollte und man schon wissen sollte was man beruflich machen will.
    Ich werde ein Auslandsjahr während meines Studiums machen oder nach dem Bachelor ein Jahr Working Holiday in Japan machen. [Fall es ein WH Programm zwischen Österreich und Japan bis dahin gibt.] So habe ich auch noch die Zeit Japanisch zu lernen 🙂 Ob ich dann nach Japan ziehe weiß ich nicht, aber das werde ich dann schon noch sehen 😀 [Aber einerseits will auch nach Britannien xD]
    Deine Frage warum ich nach Japan ziehen möchte, kann ich jetzt eigentlich nicht richtig beantworten. Aber wegen der Kultur und Natur würde ich schon gern dorthin ziehen 🙂
    Liebe Grüße,
    Yuna 😀

    • Hallo Yuna,
      Danke für das Kompliment. 🙂
      Ein Austauschjahr oder Working Holiday ist glaube ich wirklich gut, um das Land etwas tiefgründiger als es in einem Urlaub möglich wäre kennenzulernen. Mach das also auf jeden Fall. 🙂

  4. Hallo Claudia,

    bin gerade im zweiten Jahr von meinem Master hier in Tokyo an der Waseda Universität. Zur Motivation: Ich war als Austauschschülerin mit 16 zum ersten Mal hier (mittlerweile vor fast 8 Jahren o.Ö). Damals wollte ich ins Ausland und hatte überhaupt kein Interesse an den USA und Englisch zu lernen. Japan fand ich total interessant und auch die Aussicht auf ein Jahr mit japanischer Schuluniform.

    Als Rat hätte ich nur, dass es relativ einfach ist als Austauschstudent über die Universität nach Japan zu kommen, auch fachfremd. Nur Working Holiday kann gerade in Tokyo zur finanziellen Herausforderung werden, da ist es auf dem Land besser. Es gibt sonst noch die Möglichkeit zu einen Praktikum bei einer deutschen Firma in Japan zu machen.

    Je länger man hier ist verändert sich auch die persönliche Motivation. Was mich hier freut: das pünktliche Bahnsystem, die allgemeine Freundlichkeit im Alltag, das japanische Essen. Aber eigentlich: meine Freunde aus der Schule/Uni/サークル, Arbeitskollegen (Nebenjob).

    Liebe Grüße,
    Maxie

    • Hallo Maxie,
      Danke für die Tipps. 🙂 Ich finde es einfach unglaublich wichtig, dass man sich das mal genauer ansieht bevor man all seine Energie ins Auswandern steckt. Ob nun über die Uni, WH, Praktikum oder Sprachschule, man sollte in sich hineinhören und sich überlegen, was man machen will, wenn „Ich lebe in Japan!“ als Motivation nicht mehr reicht. 🙂

  5. Pingback: Jahresrückblick 2016: Januar bis Juni. | 8900 km. Berlin ⇔ 東京

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