Filmzeit: Mitternachtsrestaurant.

An regnerischen Tagen sucht man sich in der Videothek auch mal einen Film nach dem Cover aus. Dieses Mal hat uns das eine wunderbare Entdeckung beschert. 🙂

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(c)2014 映画「深夜食堂」製作委員会

深夜食堂 Shinya Shokudô (2014) (Trailer)

Regisseur: Matsuoka Jôji

Darsteller: Kobayashi Kaoru, Mikako Tabe, Odagiri Joe

Wenn andere zu Bett gehen eröffnet das Restaurant des namenlosen „Master“ in Shinjuku. Der Film erzählt von seinen exzentrischen Gästen und einer Urne, die im Restaurant liegengelassen wurde.

Meine Meinung: Was ein wunderbarer Film! Ich liebe episodisch erzählte Filme, und vor allem solche mit viel Herz. 🙂 Ein perfekter Film, wenn man etwas Ruhiges sehen möchte. Etwas überdrehte Charaktere, denen man aber immer anmerkt, dass unter der rauen Schale ein weicher Kern steckt. Universelle Geschichten, die dennoch eindeutig japanisch sind: Ein obdachloses Mädchen kommt aus Akita im Norden des Landes und bringt Gerichte von dort mit, und ein Mann aus der Nähe von Fukushima verliebt sich an die freiwillige Helferin, die ihm nach dem Unglück 2011 geholfen hat.

Wenn man nach dem Film noch nicht genug hat, kann man sich übrigens die ganze gleichnamige Serie dazu ansehen oder den Manga lesen. 🙂

Wo ist der Haken?

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Ich bekomme immer mal wieder Anfragen von Leuten, die mehr über 派遣 (Haken; Zeitarbeit) wissen wollen. Natürlich kann ich keine universellen Aussagen machen, aber nach einem halben Jahr und Gesprächen mit anderen Zeitarbeitern, fühle ich mich doch qualifiziert zumindest mal drüber zu schreiben. 😉

Was ist Haken?

派遣 (Haken) heißt „Entsenden“. Man ist also bei einer Haken-Firma angestellt, die einen in andere Firmen entsendet. Es gibt wohl die Möglichkeit bei einer Haken-Firma festangestellt zu sein, aber eigentlich läuft das auf Vertragsbasis, und zwar immer genauso lang, wie die andere Firma einen haben möchte.

Auf Deutsch würde man das Zeitarbeit nennen, aber irgendwie klingt das nach Billiglohnjobs im Supermarkt.

Wo kann ich mich anmelden?

Das geht online, ob bei Pasona, Tempstaff, Adecco oder einer der vielen anderen Firmen. Dort kann man seinen Lebenslauf hochladen und sich als für ausgeschriebene Jobs interessiert melden. Mit der Anmeldung auf einer Seite ist man natürlich noch nicht angestellt, was aber auch heißt, dass ihr euch auf so vielen Seiten anmelden könnt, wie ihr wollt. 🙂

Und dann?

Bei meiner Haken-Firma bekam ich nach der Anmeldung einen Anruf, wo noch einmal mehr Informationen abgefragt wurden. Danach habe ich mich online für verschiedene Jobs beworben. Die Bewerbung geht dabei immer erst an die Haken-Firma, die entscheidet, ob sie einen der anderen Firma vorstellen.

Ich bekam auch recht oft Anrufe von der Haken-Firma, ob ich nicht an diesem oder jenem Job interessiert sei. Und eines Tages eben auch den, ob ich nicht bei meinem deutschen Sportartikelhersteller arbeiten wollen würde. 😉

Wie läuft das Bewerbungsgespräch?

Bevor ich bei meinem jetzigen Job gelandet bin, hatte ich noch bei zwei anderen Firmen drei Gespräche. Jedes Mal war jemand von der Haken-Firma an meiner Seite, was mir unglaublich geholfen hat.* Wer mag schon Bewerbungsgespräche? Meinen Lebenslauf brachte der Mitarbeiter von der Haken-Firma mit. Ich musste eigentlich nur nett aussehen und mich selbst vorstellen. Bei meiner jetzigen Firma wurde getestet ob ich überhaupt Englisch spreche, was ich ganz witzig fand. Der TOEIC Score von 990 steht da nicht zum Spaß. 😉

Nach den Gesprächen bekam ich immer recht zeitnah eine Rückmeldung von er Haken-Firma, der man dann ab- oder zusagen kann. Einen Job habe ich abgelehnt, weil er einfach viel zu weit weg war.

* Tatsächlich war nur der Typ, der bei dem Gespräch mit meiner jetzigen Firma dabei war, eine totale Pfeife. Das ist normalerweise nicht so.

Wer zahlt Versicherungen, Steuern und Fahrkarte?

Krankenversicherung, Rentenbeiträge, usw. werden von meinem Gehalt abgezogen und von der Haken-Firma anteilig getragen. Ich bin also nicht über die Firma, bei der ich tatsächlich arbeite, versichert. Das klingt total nebensächlich, aber viele Firmen bieten über ihre Versicherungen einiges an, z.B. günstigere Tickets für Konzerte oder verminderte Mitgliedsbeiträge in Sportclubs.

Ob das Monatsticket bezahlt wird ist immer anders, ich zahle meins selbst.

Werde ich irgendwann übernommen?

Haken-Firmen dürfen einem theoretisch nicht für immer und ewig den Vertrag verlängern. Nach drei Jahren ist Sense, das soll als Ansporn dienen Leute doch bitte fest anzustellen. Natürlich übernehmen einige Firmen ihre Haken-Mitarbeiter, bei anderen werden sie aber kategorisch nach drei Jahren gefeuert.

Falls es euch wichtig ist, fragt auf jeden Fall euren Zuständigen in der Haken-Firma vor einem Bewerbungsgespräch.

Mit Haken nach Japan?

Nein. Haken-Firmen vergeben keine Visa und sind deswegen eigentlich nur eine Möglichkeit, wenn ihr schon ein anderes Visum habt.

Für mich war Haken ein einfacher Weg den Job zu wechseln. Die Unterstützung bei der Suche und dem Bewerbungsgespräch hat durchaus geholfen. Jetzt wäre ich zwar lieber festangestellt, aber was nicht ist kann ja noch werden. 🙂 Ohne Haken hätte ich meinen jetzigen Job gar nicht.

Wenn ihr also auf der Suche und etwas am Verzweifeln seid: Haken ist sicher nicht perfekt, aber durchaus einen Versuch wert. 🙂

Falls ihr noch Fragen habt, schreibt sie gern in die Kommentare. 😀

Eat Me, Drink Me: Alice im Wunderland-Restaurant!

IMGP3481 (Copy) Letzten Dienstag ging es mit meiner Freundin Julia und Freundinnen von ihr abends in ein Themencafé das ich schon länger besuchen wollte: 魔法の国のアリス (Mahô no Kuni no Arisu; Alice im magischen Land) in 新宿 (Shinjuku). Tatsächlich gibt es allein in Tokyo noch vier weitere Alice-Restaurants desselben Betreibers: Ein weiteres in Shinjuku, eines in Ginza, eines in Ikebukuro und eines in Shibuya. Die Innenausstattung ist überall etwas anders, aber das Menü bleibt gleich. Apropos Menü: Ein riesiges Monsterding in Buchform.IMG_4137 (Copy) Das Personal ist natürlich verkleidet, unter anderem als sehr, sehr kurzrockige Alice. Japanische Einheitsgröße eben. 😉 Man soll die Bedienung übrigens einfach „Alice“ (oder das japanische Equivalent, アリス Arisu) rufen. Für jeden Besucher gilt eine Mindestbestellung von einem Getränk und einer Speise, sowie 500Yen (ca. 3,80€) Sitzgebühr. Die meisten Getränke und Speisen sind natürlich von Alice im Wunderland inspiriert, und mit den Charakteren im Hinterkopf dekoriert. Alice selbst taucht allerdings kaum auf, ist aber wahrscheinlich auch schwerer als Katzen, Hasen und Raupen mit Essen zu gestalten. 😉IMG_4146 (Copy)Die Aufmachung ist durchaus liebevoll, und ich mochte mein Getränk sehr gern. 🙂 Nur kam das Essen leider nicht wirklich zusammen, und wir mussten um Salz bitten, was auch noch einmal einige Zeit brauchte um an unserem Tisch aufzutauchen.

AIMG_4147 (Copy)ber es geht wahrscheinlich keiner wegen der Qualität des Essens und des Services in ein Alice im Wunderland-Restaurant. Bei Themencafés und -restaurants muss man leider oft Abstriche machen. 😦

Dafür bekommt man aber eine besondere Umgebung, und eben besonders putziges Essen. 😉 Spaß macht es auf jeden Fall.

Nach den zwei Stunden, die man im Restaurant verbringen kann, erhielten wir eine Rechnung, die sich letztendlich pro Person* auf 3,600Yen (ca. 27€) belief.

* Wenn in Japan nach größeren Essen die Rechnung geteilt wird, dann eigentlich immer einfach „Rechnungsbetrag“ durch „Anzahl der Personen“. Alles einzeln rauszurechnen, damit bloß keiner zu viel oder zu wenig bezahlt, ist deutsche Erbsenzählerei. 😉

Ganz ehrlich: Einfach so werde ich sicher nicht noch einmal hingehen, aber das ist bei eigentlich allen Themencafés/-restaurants so. Mal ist es ganz witzig, aber auf Dauer viel zu teuer, vor allem, wenn man günstiger besseres Essen bekommen könnte. Wenn sich aber jemand Alice-liebendes nach Tokyo verirren sollte, bin ich dabei. 😉

Kirschblüte im Oktober.

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Am Dienstag war Feiertag. Tag der Kultur (文化の日 Bunka no Hi), glaube ich. Wahrscheinlich werde ich mir nie diese ganzen verdammten Feiertage merken, aber das macht zum Glück niemandem etwas aus.

Auf jeden Fall lief ich mit meiner Freundin Julia, ihres Zeichens Freundin aus Schultagen, die mein Hochzeitskleid genäht hat, und sich derzeit für einen Urlaub in Tokyo befindend, von ihrer Unterkunft in Sendagaya zum nahen Shinjuku-Gyoen (新宿御苑). Am Eingangstor hing ein Schild, auf dem gekennzeichnet war, welche Pflanzen sich denn derzeit in der Blüte befinden. Sehr überrascht waren wir, als tatsächlich 桜 (Sakura; die japanische Kirschblüte) dort auftauchte.

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Tatsächlich assoziiert man diese nämlich ausschließlich mit dem Frühling – jedes Jahr machen wir uns auf den Weg zur Hanami (花見), dem Blumengucken. Dieses Jahr waren wir dafür sogar im selben Park! Für Japan ist der Frühling eine Zeit der Veränderung. Das Schuljahr endet Ende März und beginnt Anfang April, neue Arbeitsstellen werden angetreten, man zieht um. Die Kirschblüte als Zeichen des ewigen Wandels passt da wunderbar hinein.
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Auf Nachfrage hat die Dame am Ticketschalter uns die drei Kirschbäume, die derzeit blühen, auf einer Karte eingezeichnet. Und tatsächlich: Auf einer Wiese stand der erste Baum, einzeln aber von Leuten mit Kameras umringt. 😉 Er sah ein wenig aus, wie aus der Zeit gefallen. Die Bäume standen meist noch nicht einmal in voller Blüte, auf den Bildern könnt ihr auch Knospen sehen.

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Die drei Bäume waren übrigens alle unterschiedliche Kirschbaumarten, ich erinnere mich aber leider nur an die Namen der letzten beiden: 十月桜 (Jūgatsu-Zakura; wörtl. Oktober-Kirsche) und 子福桜 (Kobuku-Zakura; wörtl. Kinderglück(?)-Kirsche).

Tatsächlich schwankten auch die Japaner zwischen fasziniert und verwirrt.

Kleiner Junge mit argwönischem Blick: Papa! Warum blühen die Kirschbäume obwohl es nicht Frühling ist?!

Sehr gut erkannt, kleines japanisches Kind!

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Ich habe mich auf jeden Fall sehr gefreut auch in der kälteren Jahreszeit noch eine kleine Erinnerung an den Frühling zu sehen. 🙂 Die japanische Kirschblüte ist eben nicht nur eine Art Baum, es gibt die verschiedensten Kirschblüten, und manche blühen eben erst, wenn es kälter wird. Wer im Januar und Februar Kirschblühten sehen möchte, muss übrigens nach Okinawa oder gleich Taiwan. 😉

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Ins Grüne: Raus nach Tachikawa.

IMG_4034 (2) (Copy)Der Herbst hat Einzug gehalten. Zwischen sonnige, warme Tage drängeln sich immer mehr dunkle kalte. An einigen Tagen wehte uns schon ein eisiger Nordwind um die Ohren, das Laub wechselt langsam die Farben.

Am Freitag war ich mit einem unserer drei IT-Teams in Tachikawa (立川), welches zwar noch Teil von Tokyo ist, aber nicht zu den 23 Bezirken gehört.* Nach etwa einer Stunde Fahrt standen wir vorm Shōwa-Gedächtnispark (昭和記念公園), einem ehemaligen Militärstützpunkt der Amerikaner. Teile des Geländes werden von den japanischen Selbstverteidigungsstreitkräften verwendet, der Rest wurde als staatlicher Park anlässlich des 50. Jahrestags der Krönung des Kaisers eröffnet.

* Irgendwann muss ich einen Eintrag über die ganzen Begrifflichkeiten in und um Tokyo schreiben.

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Der Park ist für tokyoter Verhältnisse riesig und bietet vor allem für Kinder einiges. 🙂 Die vielen verschiedenen Spielplätze dürften jedes noch so aktive Kind in Richtung Erschöpfung begleiten. 😉 Außerdem kann man im Park Boot- und Fahrradfahren, es gibt Sportanlagen, einen japanischen Gärten, zwei große Felder mit Kosmeen, Bonsai-Bäume, und viel viel mehr. Man kann in dem Park sicher seinen ganzen Tag verbringen.

Dafür kostet er auch Eintritt: 410Yen (etwa 3€) für jeden Erwachsenen. Wir haben noch einmal 410Yen mehr bezahlt, weil wir Fahrräder ausgeliehen haben. Der Park hat einen 11km langen Radweg, separat von den Fußwegen, mit vielen Fahrradabstellplätzen, falls man sich etwas abseits ansehen möchte.

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Ich, normalerweise jeden Wochentag achteinhalb Stunden im 45. Stockwerk mit Blick über die Stadt an den Schreibtisch gekettet, kann mir wenig Besseres vorstellen als am Freitag Nachmittag durch einen großen Park zu radeln. Den Wind im Gesicht, die Sonne langsam untergehend. Das goldene Licht bricht durchs Laub, und man möchte die Zeit anhalten.

Menschen brauchen Natur. Wäre dem nicht so, würde keiner Parks anlegen und mit großem Aufwand instandhalten. Die deutsche Schrebergartenkultur überlebt nur, weil viele Leute sich scheinbar wenig besseres vorstellen können als all ihre Wochenenden auf den Knien beim Unkrautrupfen zu verbringen. 😉

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In der großen Stadt vergisst man das manchmal. Nicht, weil man sich nicht wenigstens in der Mittagspause oder am Wochenende ins Grüne setzen könnte, sondern weil es immer so viel anderes zu tun gibt. Der Park ist auch morgen noch da, irgendein anderes Event in der Metropole vielleicht nicht.

Ich nehme mir nach diesem Parkbesuch natürlich vor, wieder öfter auch Gärten zu besuchen. Ob das so klappt, oder ob sich wieder etwas dazwischenzwängt weiß ich noch nicht. Ich habe noch nicht einmal raus, wie man bei Vollzeit überhaupt etwas schafft. 😉