Die dominante Sprache.

Ich bin Deutsche. Sogar eine richtige Bio-Deutsche, mit Ostdeutschen Eltern* und komplett deutscher Schulbildung. Insgesamt habe ich etwa 20 Jahre in Deutschland gelebt, mit Freunden auf Deutsch geredet, Filme auf Deutsch gesehen und auf Deutsch gelesen. Natürlich nicht exklusiv, aber mein Alltag war wahrscheinlich 90% Deutsch.

* Ihr Wessis wisst gar nicht, was euch entgeht. Mann, damals in der DDR, da war die Welt noch heil. 😉

Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass das jetzt etwas anders ist. Bis vor einigen Monaten hatte ich noch immer die beste deutsche Freundin, mit der ich einmal die Woche auf Deutsch schnattern konnte – sie hat mich dann aber für Frankfurt verlassen. 😦 Ich schreibe auf diesem Blog sehr viel mehr Deutsch als mir im alltäglichen Leben über die Zunge rollt. Was nicht heißt, dass ich die Sprache in meinem Alltag groß vermissen würde, doch Dinge die man nicht verwendet rosten natürlich ein, selbst die eigene Muttersprache. Beim Schreiben geht das noch, ich habe schließlich Zeit zum Nachdenken und muss letztendlich nur auf meine eigenen Gedankengänge reagieren. Beim Sprechen bin ich mir manchmal unsicher, ob die Worte wirklich so zusammenpassen. Teilweise fehlen mir auch einfach die Worte, zumindest auf Deutsch.

Denn auch wenn ich mehrere Sprachen fließend spreche ist das Hirn schließlich kein Wörterbuch, manche Verbindungen sind in einer bestimmten Sprache stärker, und manchmal drängen sie meine Muttersprache an den Rand. Was für eine Erleichterung dann mit jemandem zu plaudern, der zumindest zwei der drei Sprachen spricht: Ausdruckstechnische Löcher in der einen Sprache lassen sich ganz hervorragend in der anderen stopfen. Dabei hilft, dass die meisten meiner japanischen Mitarbeiter sehr gutes Englisch sprechen.

Mein Alltag besteht zu 75% aus Japanisch, 22% Englisch und 3% Deutsch. Die 3% werden wahrscheinlich allein vom Blog ausgefüllt. Deutsch ist also absolute Minderheitssprache. Das hat durchaus komische Nebenwirkungen.

Wenn ich in einem Café oder ähnlichen bin, kann ich Japanisch wunderbar ausblenden, bei Englisch klappt es auch meist. Das ist Hintergrundrauschen. Doch was passiert, wenn plötzlich Leute in meiner Umgebung Deutsch reden? Mein Hirn verwandelt sich in eine kleine Bulldogge, jagt seinem eigenen Schwanz hinterher, springt in die Luft und kläfft. Ich höre unweigerlich zu. Nicht, weil Deutsche immer unglaublich spannende Dinge zu erzählen hätten oder weil ich den Grund für ihren miesepetrigen Gesichtsausdruck** dringend erfahren möchte.

Nein, meine Gehirnbulldogge ist der Meinung einen Freund gefunden zu haben. Jemanden so wie uns. Wenn wir dann mal in Deutschland sind, dreht meine Gehirnbulldogge zumindest die ersten Tage komplett durch. „Schau Claudia, jemand spricht Deutsch!!“ „Noch jemand!“ Ich kann mich tatsächlich in der Berliner Bahn, wenn sie denn fährt, nicht auf mein Buch konzentrieren, weil alle um mich herum Deutsch sprechen. Diese rücksichtslosen Berliner mal wieder. 😉

** Sorry, aber Deutsche schaffen es teils im 5-Sterne-Resort am weißen Strand so zu gucken, als wären sie grad in der Bahn zur Arbeit. Um 3 Uhr morgens. Im Nieselregen.

In meinem Kopf herrscht auch ohne Gehirnbulldogge geordnetes Sprachchaos. Deutsch nimmt dabei meist einen geringen Platz ein, selbst Englisch ist nicht die Nummer eins. Mir kommt tatsächlich Japanisch am leichtesten über die Lippen, obwohl mein Wortschatz begrenzt ist. Aber denke ich auf Japanisch? Keine Ahnung. Wahrscheinlich. Die eigenen Gedanken gehören zu den Dingen, die sich verändern, wenn man sie betrachtet. Möglicherweise ändert sich das, je nachdem in welcher Situation ich bin, welche Sprache ich verwende und worüber ich nachdenke. Tiefe philosophische Betrachtungen kann ich nämlich nicht auf Japanisch anstellen. Mein Innenleben wird aber sicher nicht so leicht wieder 90% Deutsch. Bin ich dann eigentlich noch Bio?

Was sprecht ihr für Sprachen und was für Auswirkungen hat das auf euer Leben? In welcher Sprache denkt ihr? 😉

21 Gedanken zu „Die dominante Sprache.

  1. Mein Alltag ist wahrscheinlich 90% japanisch, 8% Englisch und 2% Deutsch (wenn ich Nachrichten lese). Schoen, das es jemandem genau so geht mit dem Chaos im Kopf.

    Nachteil bei mir: Mit der Bilingualen Erziehung ist es da nicht so einfach, wenn das Hirn nach der Arbeit einfach nicht auf Deutsch umschalten kann/muss/will. Bisher habe ich da (leider) grandios gefailed.

    • Nach dem heutigen Arbeitstag habe ich meine Prozentzahlen auch noch einmal etwas korrigiert. Bei der bilingualen Erziehung mache ich mir keine Gedanken, habe schließlich 4 Jahre auf Englisch auf kleine Kinder eingeplappert. Ich bin quasi ein Profi. 😉

  2. Also ich funktioniere zurzeit noch recht Deutsch 😄
    Wahrscheinlich so 70 % Deutsch, 20 % Englisch und 10 % Japanisch (je nachdem wo ich mich grade befinde und was ich mache XD)

    Aber ich merke das mit der deutschen Bulldogge jetzt schon. Wenn ich Auslaendern begegne, hoere ich automatisch genauer hin, welche Sprache sie wohl sprechen und wenn es Deutsch oder Englisch ist, hoert man doch ganz automatisch zu 😄

    Falls du mal wieder Deutsch reden willst, ich bin die erste Septemberwoche nochmal in Tokyo, bevor ich mich vorerst wieder nach Deutschland verabschiede ^^

      • Also mit Kollegen red ich japanisch aber das was ich mache ist meistens englisch. Aber hier arbeiten auch vile Deutsche, daher red ich immer noch viel Deutsch.
        Ich meld mich bei dir, sobald ich genau weiß, wann ich Zeit habe ^^ Vielleicht schaffen wir es nochmal ^^

  3. 60% Japanisch, 39% Deutsch, 1% Englisch
    Obwohl das Deutsch (spreche ich nur zum Nachwuchs), das hoert sich manchmal seltsam an. Den Kindern ist das natuerlich egal (meist hoeren sie eh nicht, haha!), aber ich muss selbst ueber mich den Kopf schuetteln. Ich verwechsle sogar schon Artikel… .>< Der Inhalt (leider): Deutsch – meist Ermahnungen, einfache Sachverhalte; Japanisch: Gespraeche mit Freunden/ Mann.
    Englisch leider nur hin und wieder mit Freunden.

  4. Mein Alltag ist zu 94% deutsch, zu 5% englisch und zu 0,5% russisch und zu 0,5% japanisch.

    Englisch vor allem, wenn ich entsprechende Bücher lese oder Filme schaue oder mal mit einem Muttersprachler rede. Japanisch durch Anime und Hobby, russisch eher mal so beim Querbeetlesen im Netz, selten mal, wenn ich russischen Gesprächen lausche.
    Lustig ist mein Gehirn danach. Normalerweise denke ich nicht wirklich in Sätzen, sondern mehr in einem Mix aus filmartigen Sequenzen, Einzelbildern, Gefühlen und Wörtern.
    Nach so einer Sprachänderung ins Englische flutet englisch mein Hirn. Ich möchte im ersten Impuls die Sachen auf englisch aussprechen, egal, ob ich die Grammatik kann oder nicht. Seltsame Mixsätze wollen heraus, und ich muss dann erst mal überlegen und sortieren, bevor ich einen gescheiten Satz aussprechen kann.

    Letztens war ich kurz im Ausland, ich hab diverse Sprachen gehört. Darunter ganz viel englisch und russisch. Das war ein Hirnsprachkuddelmuddel. Ich konnte teilweise die eigene Grammatik nicht mehr.

  5. Oh ja, das kenne ich! Wir sind jetzt nach Schweden gezogen und ich habe relativ schnell gelernt, mit Schwedisch im Alltag mehr oder weniger klar zu kommen. Nachdem wir mit den Kindern in Deutschland nur Englisch geredet haben. versuche ich jetzt hier nur Deutsch mit ihnen zu reden, aber da ich meistens auf Englisch denke, klappt das nicht immer so. Und oft kommt Deutsch mit englischen Satzkonstruktionen. Es lebe das Denglisch.
    Schwedisch verstehe ich mittlerweile ganz gut, aber besonders bei langen Gesprächen kommt es manchmal vor, dass mein Hirn irgendwann ausschaltet und sagt, so das reicht, und ich von einer Sekunde auf die nächste das Gegenüber nicht mehr verstehe…
    Letztens hatten wir ein Nachbarkind hier – ich habe Englisch gedacht, italienische Musik gehört und wollte dem schwedischen Kind sagen, dass es etwas nicht machen soll: „Ma inte that!“ Öhm, was?
    Meine Bulldogge stürzt sich auf Deutsche und Englischsprechende Leute und sie sind sofort sympathisch, trotz Miesepetergesicht (daran erkennt man Deutsche auch hier…). Und manchmal ist die Bulldogge so ausgehungert, dass sie Leute Deutsch sprechen hört, auch wenn’s eigentlich Schwedisch ist.
    Außerdem: Ganz großes Sorry, dass ich noch keinen Brief geschrieben habe, ich habe ein ganz schlechtes Gewissen und ich werde mich die Tage mal hinsetzen und einen schreiben (schick mir bitte nochmal deine Adresse) – aber auf Deustch, für Japanisch ist jetzt erstmal kein Platz mehr im Kopf… :p

    • Oh, ich bin ganz neidisch! 🙂 Ich würde auch gern Schwedisch sprechen können, aber finde mal in Japan Gelegenheit dazu… Die Adresse schicke ich dir nochmal.

  6. Ich sag mal 70% Englisch, 25% Deutsch, 5% Rest (Japanisch, Chinesisch).

    In welcher Sprache ich denke hängt immer davon ab womit ich mich gerade beschäftige. Wenn ich einen englischen Text lese, denke ich auf Englisch, wenn ich eine deutsche Zeitung lese auf Deutsch.

  7. Das ist ein spannendes Thema! Nachdem ich kurze Zeit in den USA verbracht habe, nur einen Monat, hat mein Freund gemeint, dass ich im Traum Englisch rede. Irgendwie passt sich das Gehirn an. Aber auch dort sind mir die Deutschen aufgefallen… Nicht am Gesichtsausdruck (den habe ich vielleicht auch ? 😀 ) sondern an den praktischen Trekkingsandalen, Brustbeuteln und Zipphosen. So lässt sich der Großstadtdschungel sicher überstehen! 😉
    Mein Japanisch ist leider so schlecht, dass ich nur in der Schule japanisch spreche… Also 60% Englisch, 30% Deutsch und nur 10% Japanisch.

  8. Ging mir ja genauso. Nach 7 Jahren in Japan und KEINEN deutschen Freunden, hab ich sogar noch viel weniger mit Deutsch zu tun gehabt als du jetzt wahrscheinlich.
    Ich denke viel auf Englisch und Japanisch und das hat sich auch nach nem halben Jahr hier zurück in Deutschland (noch) nicht geändert. Mir rutscht oft noch was Japanisches raus, auch oft was auf Englisch. Ich fluche viel auf Japanisch, ohne es zu merken. 😉

    Ich hab die deutsche Sprache auch nicht vermisst als ich in Japan war, aber ich vermisse die japanische Sprache hier in Deutschland. T_T

    • Fluchen auf japanisch wäre mal ein Thema! 😉 Ich spreche hauptsächlich Deutsch (Mundart) und denke auch so. Hab aber auch das Gefühl das sich mit der Sprache auch das Gedachte etwas ändert. Oft fällt mir auf das ich englische Begriffe einfach nicht richtig übersetzen kann weil das deutsche Wort nicht genau das wieder gibt was gemeind ist.

      • Das Fluchen auf Japanisch würde mich auch mal interessieren – auch wenn es deiner Meinung nach langweilig ist. Das wissen ja auch die wenigsten, kannst uns ja darüber aufklären WARUM es langweilig ist 😉

  9. Danke für den Beitrag. Darüber haben bestimmt schon viele Auslandsdeutsche nachgedacht, aber noch nicht alle haben darüber geschrieben. Deshalb hab ich das Lesen sehr genossen. 🙂

    Zusammenfassend geht es mir genau so – Viel Japanisch, viel Englisch, kaum Deutsch. In meinem Freundeskreis in Tokyo befinden sich auch keine Deutschen, was den täglichen Sprachgebrauch noch einmal erschwert.

    Sehr interessant fand ich letztens eine Mail auf Arbeit, die auf Englisch eintrudelte und die ich auf Deutsch beantworten konnte, da der Kunde Deutsch-sprachig war. Das Englisch erschien mir noch sehr freundlich, als eine erneute Antwort auf Deutsch kam, fühlte ich mich irgendwie beleidigt. Mir fiel danach auf, dass ich inzwischen die japanischen Höflichkeitsmasstäbe an meine deutsche Muttersprache ansetze, was natürlich unmöglich ist. Geht es dir da ähnlich?
    Übrigens bin ich auch Bio-Deutsche aus Frankfurt (Oder). 😀

    • Ich las grad, du wohnst ja sogar bei mir in der Nähe 😉 Nur zwei Sobu-Kaisoku-sen-Stationen weiter.

      Auf Arbeit habe ich wenig mit Deutschen zu tun, wenn dann höchstens mit denen von der Zentrale in der deutschen Pampa. Die kamen mir weniger unhöflich als eher.. salopp vor. Es gibt einfach kein großartiges お疲れさまです。 お手数をおかけしますが・・・ 大変恐縮ですが・・・ よろしくお願い致します。-Geflurbel, obwohl ich das in der Firma durchaus manchmal etwas eigenartig finde. Wir sprechen zwar alle mit desu-masu miteinander, aber in E-Mails ist’s dann je nach Ansprechpartner (vor allem in allen Abteilungen) kenjo-go und der ganze Spaß. Der Form halber.

  10. 60% deutsch
    39,9% englich
    0,1% japanisch (würde gern mehr können komme aber nie dazu und wenn beginne ich immer wieder bei level 1)

    arbeite und wohne in deutschland also deutsch
    chatte täglich mit meiner japanischen frau (in tokyo) in englisch
    guten morgen, gute nacht und andere floskeln in japanisch

  11. Pingback: Jahresrückblick 2015: Juli bis Dezember. | 8900 km. Berlin ⇔ 東京

  12. Mein Lebenbesteht zu gut 60 % aus Deutsch, 25% Englisch und nur 15% Japanisch. Was ein bisschen wenig ist, wenn man bedenkt, dass ich seit etwas mehr als 6 Monaten in Japan lebe und 20 Stunden Japanischunterricht pro Woche habe…
    Da meine Mitschüler fast auschließlich Asiaten sind und kein bis wenig Englisch sprechen, bin ich in den Pausen immer alleine und habe noch keine japanische oder japanischsprachigen Freunde gefunden.
    Zuhause sprechen wir Deutsch (logisch, wir sind beide Deutsche) und wenn ich online unterwegs bin ist das ein Mix aus Deutsch und Englisch. TV gucken wir wenn auf Englisch oder bei Animel aug Japanisch mit englischen Untertiteln. gleiches gilt für’s Kino.

    Da wir in der Nähe der deutschen Schule wohnen treffe ich recht häufig auf andere Deutsche. Besonders beim Einkaufen im hiesigern Supermarkt kommt das öfter vor. Da kann ich mich dann auch nie vom Lauschen abhalten…

    Und auch das mit dem Sprachchaos im Kopf kann ih gut verstehen. Als ich noch in Deutschland gelebt habe, war der Englisch-Anteil noch etwas höher als jetzt. Und schon da hatte ich oftmals schwierigkeiten bestimmte Dinge auf Deutsch auszudrücken, die ich auf Englisch sofort wusste, oder umgekehrt. In meinen Augen hat das nicht nur was mit der Häufigkeit des Sprachgebrauchs, sondern auch mit dem Sprachgefühl zu tun. Man hat zu verschiedenen Sprachen eine unterschiedliche Beziehung und damit ein anderes Sprachgefühl, finde ich.

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