Auf Wiedersehen, Olympiastadion.

Mein Mann arbeitet in letzter Zeit viel und ist am Wochenende oft nicht zuhause, weswegen mich meine Schwiegermutter gefragt hatte, ob ich etwas unternehmen wolle. Also sind wir am Samstag zusammen zum Bahnhof Tokyo gefahren, haben im 大丸 (Daimaru) eingekauft und sind dann in die Bahn nach 信濃町 (Shinanomachi) gestiegen, um ein Flugzeug zu sehen.

20140531_182613ブルーインパルス (Blue Impulse) ist das Kunstflugteam der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte* und hat damals bei der Eröffnung der Olympischen Spielen in Tokyo 1964 die fünf Ringe in die Luft gemalt. Gestern sollten sie noch einmal fliegen, also war der Plan, dass wir uns vor das 国立競技場 (Kokuritsu Kyôgijô; Olympiastadion) stellen und warten.

* Japan hat keine 軍隊 (guntai; Armee), sondern „nur“ 自衛隊 (jieitai; Selbstverteidigungsstreitkräfte), laut Artikel 9 der japanischen Verfassung (日本国憲法第9条; Nipponkoku Tenpô Dai-9-jô) dürfen sie nämlich keine Streitkräfte unterhalten oder an kriegerischen Aktivitäten teilnehmen. Derzeit versuchen die Rechten das zu kippen, denn die großen Feinde im Westen Japans (Nordkorea, Südkorea, China) könnten uns schließlich dem Boden gleichmachen. Ganz klar.

Was wir nicht wussten war, dass dieses Olympiastadion seinen letzten Tag hatte und anlässlich dessen ein Event stattfand. „SAYONARA国立競技場FINAL “FOR THE FUTURE”“ (Auf Wiedersehen Olympiastadion, Final „for the future“) nannte sich das Ganze, und der Hintergrund ist, dass das Stadion abgerissen wird um Platz für ein neues Olympiastadion für die Olympischen Spiele 2020 zu schaffen.

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Verbeugung zum Abschluss

Als wir ankamen spielten gerade ältere Fußballgrößen ein Match und die Arena war gerammelt voll. Mit ziemlich viel Glück konnten wir trotzdem drei Sitzplätze ergattern. 🙂 Die Stimmung war recht gut, obwohl natürlich nicht viele Hardcore-Fußballfans dort waren – wie die in Japan so drauf sind weiß ich nicht, aber ich gehe davon aus, dass sie sehr viel weniger furchteinflößend sind als die in Berlin.

An dem Tag war es übrigens unglaublich heiß, 29°C ohne auch nur den leisesten Luftzug, obwohl man uns einen kühlen Sommer versprochen hatte. Und so klebten wir auf unseren Sitzen, während wir auf die Flugzeuge warteten.

Photo von meinem Schwiegervater

Photo von meinem Schwiegervater

Nach gefühlten Ewigkeiten war es dann endlich so weit, es wurde eingeflogen. Fünf Flugzeuge in verschiedenen Formationen (ich erinnere mich nur an den Schwan und das Kreuz), mit bekannten Piloten am Steuer. Großes Ah! und Oh! bis sie das Stadium überquert hatten und abdrehten. Der Rest der Stadt hatte auf jeden Fall auch etwas davon, und während mein Mann nur den Lärm hörte und sich wunderte, ob China in den japanischen See- oder Luftraum eingedrungen sei, haben andere Leute Fotos geschossen, unter anderem auf der 表参道 (Omotesandô): Link.

20140531_181457Nach etwa zehn Minuten war das Spektakel vorbei und viele verließen das Stadion, während wir uns noch das erste Rugby-Match ansahen. Rugby ist wohl vor allem im Oberschul- und Universitätssport beliebt und es spielten die 明治大学OBレジェンド (Meiji-Daigaku (Universität) Old Boy Legends) gegen die 早稲田大学OBレジェンド (Waseda-Daigaku (Universität) Old Boy Legends), also Spieler, die in ihrer aktiven Zeit im Olympiastadion gespielt hatten, inzwischen aber um die 50 Jahre alt sind. Mein Schwiegervater hat an der Meiji-Universität studiert, weswegen er ziemlich mitfieberte. 🙂 Das Spiel war aber nach nur zehn Minuten schon vorbei und wir machten uns auf den Heimweg, obwohl die Feier noch nicht vorbei war.

Ich fand es echt schön, das Stadion einmal von innen zu sehen, bevor es abgerissen und neu aufgebaut wird. Die Stimmung war sehr sentimental und obwohl ich vorher wirklich gar nichts mit ihm zu tun hatte, habe ich es an diesem einen Nachmittag doch liebgewonnen.

Auf Wiedersehen, Olympiastadion.

7 Gedanken zu „Auf Wiedersehen, Olympiastadion.

  1. „…dass sie sehr viel weniger furchteinflößend sind als die in Berlin.“
    en contraire ma cherie – Hertha hat gerade 1 Mio Sponsorenbonus von der Bahn bekommen, weil es letzte Saison keine Kravalle und Demolierungen gab. Man, sind wir zivilisiert!

    • Meine Brust ist fast vor Stolz geschwellt, aber eigentlich ist es traurig, dass „keine Krawalle und Demolierungen“ schon so bemerkenswert ist, dass dafür gutes Geld gezahlt wird. Am Ostkreuz mit den Fußballfans auf die Bahn zu warten ist auf jeden Fall etwas, was ich nicht vermisse…

  2. Pingback: Der obligatorische Jahresrückblick. Teil 1. | 8900 km. Berlin ⇔ 東京

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